FSJ in Santa Cruz de la Sierra
Samstag, 28. August 2010
Schule
Nachtleben und Don Bosco
Am zweiten Wochenende haben wir uns mit den Freunden von Inga, die in Cotoca wohnen, getroffen, um das Nachtleben in Bolivien auszukundschaften. Im Detail kann man sagen, dass es sich nicht unwesentlich von unserem in Deutschland unterscheidet – Vortrinken bei irgendwelchen Leuten und dann mit einer große Meute die Disko stürmen, wobei wir die einzigen an diesem Abend dort waren, was uns jedoch nicht davon abhielt, erst um 6 Uhr morgens wieder im Hogar aufzutauchen. Einen kleinen Unterschied gibt es doch - hier ist alles auf Reggeaton getrimmt, wodurch die Tanzschritte irgendwie mehr auf das linke Bein gelegt sind, was für Europäer ungewöhnlich erscheinen mag, denn Partnertänze sind auch viel gebräuchlicher.
Am Tag darauf waren wir bei Helga, einer älteren Dame aus Deutschland, eingeladen, die seit 50 Jahren in Santa Cruz lebt und sich hier Vorort um die Voluntarios kümmert und ihnen zur Seite steht. Das Haus kann man mit denen in Deutschland vergleichen, denn sie lebt in einem Condominium, indem vorwiegend reichere Einwohner von Santa Cruz wohnen und von der Stadt durch eine Mauer abgetrennt sind. Sie hat uns über die Geschichte der Stadt unterrichtet, über die vielen Projekte, in denen sie beteiligt ist, erzählt und uns vorzüglich mit bolivianischen Leckereien verköstigt.
Am Tag darauf ging es schon um 8 Uhr zu einem weiteren Heim in Santa Cruz, Don Bosco, wo sich etliche Hogars aus der Umgebung getroffen haben, um zunächst eine Messe mit vielen Liedern und Tanzeinlagen zu feiern und dann anschließend in einzelnen Sportarten wie Fußball, Basketball oder auch dem Tanzen, womit der Tag um 5 Uhr nachmittags abschloss, gegeneinander anzutreten. Die Kinder hatten einen riesen Spaß, aber aufgrund des jungen Alters nicht wirklich eine Chance zu gewinnen. Wie auf dem Hinweg quetschten wir uns auf dem Weg zurück zum Hogar mit 60 Mann in einen Mikro, wodurch man zum Teil 3 Kinder auf seinem Schoß sitzen hatte.
Unter der Woche kehrte dann wieder der Alltag ein, den ich in meinem nächsten Post genauer erläutern werde.
Mittwoch, 11. August 2010
Ratten, Hühnerfüße und der Alltag beginnt
Wie schon erwähnt, haben wir am ersten Tag feststellen müssen, dass wir sehr wahrscheinlich einen Untermieter hatten, der sich auf unsere Kosten durchfressen wollte, weshalb es erst einmal hieß - aufräumen, putzen und wischen - denn das war seit Langem wieder fällig geworden. Das Problem "rata" oder "raton", das wussten wir bis zu dem Zeitpunkt noch nicht, musste jedoch anders angegangen werden, weshalb wir ins Zentrum fuhren, um dort ein Gift zu besorgen. An gleicher Stelle haben wir uns dann auch für 15€ ein Handy gegönnt, wodurch man mich bald, wenn ich es denn registrieren lasse, erreichen kann. Am Mutualista, was ein riesiger überdachter Markt ist, kam dann prompt eine Parade vorbei, denn es war der "Tag der Jungfrau Carmen", den man gebührend feiern muss. Man sollte wissen, dass in Bolivien jede Person irgendwie einen Feiertag hat, weshalb ich immer wieder solche Umzüge sehen werde.
Zurück im Hogar ist uns die Ratte dann doch noch persönlich begegnet und wurde von den 10 Freiwilligen durch das Heim gejagt, bis sie sich irgendwo hinter dem Ofen niedergelassen hatte. Das Rattengift wurde verstreut und schon am nächsten Tag zahlten sich die "Bollis" aus und wir dachten wir hätten einen Sieg eingefahren, jedoch war dies nur eine kleine Etappe, denn schon am Abend selber vernahmen wir diesmal ein Knistern hinter dem Kühlschrank.
Der "Tag der Ratte" war auch zugleich mein erster Arbeitstag, der damit begann zwei- bis vierjährige Kinder zu belustigen, indem man sie durch die Lüfte schleuderte, den Ball hin und her warf oder sie von oben bis unten durch kitzelte. Die Kleinen sind echt super süß und obwohl sie beim Essen, bei dem die Hälfte auf dem Boden landet, etwas anstrengend sind, macht es wirklich Spaß, denn ich habe bei dieser Aufgabe noch 2 Italienerinnen an meiner Seite, die den Laden echt aufmischen.
Ab 12 Uhr gibt es dann im Hogar immer Mittagessen, wo wir Freiwilligen auch mitessen dürfen. Ich hab es mir natürlich nicht nehmen lassen, eine Spezialität des Hauses zu essen, denn es gab eine Nudelsuppe mit Hühnerfüßen, Hühnerköpfen und irgendwelchen Innereien des Geflügels, wobei euch auf Leber tippen würde. Es hört sich vielleicht ein wenig ekelig an, aber es schmeckt im Endeffekt genauso wie das restliche Tier (Fotos werden folgen).
Nachmittags werde ich dann für die nächste Wochen bei den "Divino Ninjos" mithelfen, die zu den Kleinsten nach den "Bebes" gehören - Man muss wissen, dass die Kinder in Mädchen- und Jungenhäuser aufgeteilt sind, wobei hier auch noch nach dem Alter unterschieden wird. Die Jungen dürfen bis 12 Jahre in dem Heim bleiben, bevor sie in ein anderes Heim gehen, die Mädchen sind meistens bis zu ihrem 16 Lebensjahr im Hogar - Bei den "Divino Ninjos" musste ich am ersten Arbeitstag auf den Großteil der Kinder, die sich auf dem Spielplatz vergnügten, aufpassen, während die Restlichen, die schon zur Schule gehen, ihre Hausaufgaben gemacht haben.
Ansonsten ist es hier echt super, wir haben ein tolles Klima unter der Freiwilligen und die Sprache wird auch langsam besser, wobei einem immer wieder Vokabeln fehlen. Die Kinder stört das jedoch nicht wirklich, denn sie helfen einem, wo sie nur können, wenn man Sprachprobleme hat.
Ich probiere die Hühnerfüße!!!
Divino Ninjos
Chino alias Luciano mit fashiom sombrero
Meine Bebe II mit Angelica
Darek der Dickkopf
Diese Kartoffel brachte eine Ratte um die Ecke :)
Sonntag, 8. August 2010
Reise + Sao Paolo + 1. Tag
Nachdem ich am Tag der Abreise durch eine sehr lange Wartezeit und dem Bangen nicht nach Bolivien fliegen zu können, doch noch meinen vorläufigen Reisepass ausgehändigt bekommen habe, konnte das Projekt "Hogar de la Esperanza" starten.
Am Flughafen traf ich Katha, eine meiner beiden Mitstreiterinnen und nach einem kurzen Abschied konnte die Reise beginnen. Zunächst ein kurzer Stopp in München, wo Simon hinzu stieg und dann 13 h in Richtung Sao Paolo.
Der Flug lief schneller als gedacht, was an der guten Filmauswahl und daran gelegen haben könnte, dass ich endlich mal etwas schlafen konnte im Flugzeug.
Trotzdem etwas fertig trafen wir am Flughafen unseren Guide für die nächsten 10 Stunden, Marlene Kocher Jaggi, eine ca. 45-Jährige mit rot-blondem Fukohila, die uns Sao Paolo nahebringen sollte.
20 Millionen Menschen, 54 x 30 km Fläche und jeder 3. hat ein Auto - so kann man Sao Paolo kurz beschreiben. Die Tour fand hauptsächlich im Auto, jedoch haben wir etliche Stadtteile gesehen, die in Deutschland eine eigene Stadt gewesen wären.
Das richtige Ausmaß erkannten wir erst, als wir auf die Nachbildung des Empire State Building stiegen. Die Stadt bestand nur aus Wolkenkratzern und das, soweit das Auge sah.
Durch die 7 Millionen Autofahrer ist der Verkehr sehr stockend, wobei eigentlich die Regeln gelten: Dreistigkeit vor Langsamkeit und größer vor kleiner. Sämtliche Verkehrsregeln werden missachtet, durch Hupen und Fingerzeige die Missstimmung ausgedrückt und leider starben jeden Tag ca. 3 Motorradfahrer, die in dem Gewusel durch die Gegend flitzen.
Zurück zum Flughafen gab es noch Stress wegen der Tax, die man zahlen musste und dann ging es aber ab nach Santa Cruz.
Sie Passkontrolle überstanden wir problemlos, mussten kein zusätzliches Geld zahlen und das Gepäck war auch unbeschädigt angekommen. Gepäckkontrolle für Deutsche bestand nicht und am Ausgang warteten schon Schwester Clara, Violla und drei sehr aufgeweckte Italienerinnen, die auch als Freiwillige im Projekt tätig sind.
Zu 8 mit Gepäck in dem Van, der sich beim Start ein wenig veraltet und kaputt anhörte, kamen wir nach 20- minütiger Fahrt zum "Hogar de la Esperanza". Hier wurden wir direkt von den Kindern umzingelt, begrüßt und hatten kaum Zeit unser neues zu Hause anzuschauen.
Nach einem leckeren Essen mit den Schwestern, lernten wir noch eine weitere Deutsche kennen, Clarissa und eine Schottin, die zurückhaltend herüberkam. Das neue zu Hause hätte in Europa wahrscheinlich nicht einmal einen halben Stern erhalten. 1 von 4 Duschen funktioniert, wobei bei dieser der Strahl nur sehr schwach ist; 2 von 4 Toiletten sind in Takt; der Backofen hat eine Ratte als Hauptmieterin und isoliert ist nichts, wodurch es 10 ° Kälte nachts vorherrschen.
Nach einer kurzen Mail, einer Dusche nach über 30 Stunden fiel ich dann ins Bett, wo ich von Pässen, Ratten und Hühnerköpfen und -krallen träumte.
Die Skyline von Sao Paolo
Katha, Simon und Ich auf dem Edifício do Banespa
Der Mittelpunkt Sao Paolos ist palmengesäumt
Estádio do Morumbi
Katha und Ich
Samstag, 17. Juli 2010
Praktikum in der Kindertagesstädte
Dort habe ich mit den Rackern gebastelt, gebaut, gemalt oder Fußball gespielt. Da es vor allem in der letzten Woche sehr heiß war, kamen auch noch Wasserschlachten hinzu, die meistens mit vollkommen durchnässter Kleidung endeten.
Während der Zeit hat uns ein Wanderzirkus besucht, wo zwei Artisten eine echte Python vorgestellt haben und es wurde das alljährliche Sommerfest vorbereitet, wodurch andere Arbeiten anfielen.
Über die gasamte Zeit fühlte ich mich von meinen Kollegen snett aufgenommen und bin sicher, dass mir das Praktikum, trotz anfänglicher Bedenken, sehr geholfen hat, mich auf meine Tätigkeit in Bolivien vorzubereiten.
Montag, 5. April 2010
FSJ in Santa Cruz
Hey,
dies ist mein Blog, in dem ich im nächsten Jahr über mein Leben in Bolivien posten werde. Einige werden jetzt ein bisschen geschockt sein, aber ja ich werde euch verlassen denn ich habe mich dazu entschieden nach meinem Abi meinen Zivi als Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Santa Cruz de la Sierra/Bolivien abzuleisten. In Santa Cruz habe ich ein richtig cooles Projekt gefunden, in welchem ich mit 2 anderen Freiwilligen aus der Organisation, die mich dorthin schickt, arbeiten werde (aber dazu gibt es gleich noch mehr). Erst einmal zu der Stadt selber, da ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendwer von der Metropole schon einmal gehört hat. Es handelt sich wirklich um eine Großstadt, denn Santa Cruz de la Sierra ist sehr zentral in Bolivien gelegen und ist mit 1.6 Mil. Einwohner die größte Stadt des Landes. Santa Cruz liegt 550 km östlich von der wahrscheinlich bekannteren Hauptstadt La Paz entfernt und befindet sich mit 437 m innerhalb eines fruchtbaren Flachlandes. Die Höhe ist für Bolivien ungewöhnlich niedrig, da es bis auf 6500 m hoch gehen kann.
Nun komm ich zu dem wesentlichen Teil meines ersten Posts. Nach dem Abi wollte ich meine Zeit nicht mit dem Zivi in Deutschland verbringen, sondern nach dem Auslandsjahr in den USA noch einmal in die weite Welt hinaus. Über einen Bekannten bin ich auf eine Trägerorganisation gestoßen, die Freiwillige ins Ausland schickt, um dort an unterschiedlichsten Projekten mitzuarbeiten. Bei den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP) habe ich im November an einem Vorbereitungsseminar teilgenommen und ich wurde dort so überzeugt, dass ich mich dazu entschieden habe, in dem Projekt "Hogar de la Esperanza" als MaZ mitzuarbeiten. Zunächst einmal zu der Abkürzung MaZ. Sie steht für Missionar auf Zeit, was anfangs ein wenig abstoßend klingen mag, aber es geht nicht darum andere Menschen wie im Imperialismus zu missionieren, sondern sich sozial zu engagieren und die Kinder und Jugendliche in einem Projekt zu betreuen.
Das Wichtigste ist natürlich das Projekt selber. Aber was steckt hinter dem Namen "Hogar de la Esperanza", und was wird mich als Freiwilligen dort erwarten? "Hogar de la Esperanza" heißt übersetzt so etwas wie "Platz für Hoffnung". In diesem Projekt werde ich ca. 150 Kinder und Jugendliche, deren Eltern im wahrscheinlich schlimmsten Staatsgefängnis Lateinamerikas inhaftiert sind (Palmasola), betreuen, indem ich den Erziehern bei pflegerischen Tätigkeiten, bei der Essensausgabe oder bei der Planung und Organisation von Ferienprogrammen, Freizeitgestaltungen und (Sport-) Festen helfe. Die 150 Kinder werden jedoch nicht von mir alleine beaufsichtigt, denn das Projekt ist meistens international besetzt (Freiwillige aus den USA, Spanien oder Italien). Zum Glück kenne ich schon jetzt zwei Jugendlichen, Katha aus Hessen und Simon aus Bayern, die auch über die SMMP nach Bolivien gehen und mit mir zusammen in dem Projekt arbeiten werden.