Vor allem jetzt, wo ich schon ein Weile in Deutschland bin, die erste Trauer auch schon überwunden habe und mit ein wenig Abstand auf diese zwölf Monate zurückblicke, kann ich sagen, dass es mich wesentlich mehr verändert hat, als ich es mir je geträumt hätte. Nach außen bekommt man es vielleicht nicht immer so deutlich und klar mit, aber in mir selber, in meinen Gedankengängen und auch, wie ich gewisse Dinge nun angehe, merke ich, dass ich ein vollkommen anderer Mensch geworden. Man merkt dies nun vor allem in der Uni, wo man auch auf neue Leute, Gesichter trifft, dass man doch ein ganzes Stück reifer ist, als jene, die direkt vom Gymnasium kommen oder auch jene, die nicht die Möglichkeit hatten, wie ich ein Jahr im Ausland zu verbringen.
Vor nun über einem Jahr saß ich zusammen mit meinen Mitfreiwilligen Simon und Kathe im Flugzeug und es war uns noch gar nicht richtig bewusst, was uns in Bolivien, Santa Cruz de la Sierra im „Hogar de la Esperanza“ erwarten würde. Mit großer Vorfreude auf das neue Leben, auf das Fremde, auf das endlich mal selbständig eine Sache angehen und selbst bestimmen können, was man machen möchte, zog es uns in die Ferne.
Der „Hogar de la Esperanza“ wurde nun vor mehr als 12 Jahren für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche, deren Eltern im Gefängnis „Palmasola“ inhaftiert sind, gegründet, damit jenen eine vernünftige Unterkunft, Verpflegung und Erziehung ermöglicht werden kann.
Schon von dem ersten Tag an wurden wir in die Familie „Hogar“ aufgenommen und begeistert empfangen. Noch jetzt habe ich die Bilder vor mir, wie wir drei, mit noch einer anderen Deutschen Freiwilligen und drei sehr lebendigen Italienerinnen, die uns abgeholt hatten, im Heim ankamen und kurz nachdem die Fremden gesichtet worden waren, belagert und mit Fragen gelöchert wurden. Wo kommt ihr her? Wie heißt ihr? Wie alt seid ihr? Und am Wichtigsten natürlich: Von welchem Haus seit ihr die Volontäre? Mit einem schon jetzt dampfenden Kopf ging es für uns in unser neues zu Hause und ich bin echt froh gewesen, dass die Kinder sofort das Eis zwischen uns gebrochen haben und uns wie einen von ihnen behandelt haben.
Meine Aufgaben im Heim hätten über das ganze Jahr verteilt nicht verschiedener sein können. Ich habe tatsächlich als einziger Freiwilliger alle Arbeitsbereiche im Heim erleben dürfen und habe überall andere Erfahrungen gemacht. Von Anfang an hatten wir fast immer die Möglichkeit uns selber auszusuchen, was wir machen wollten. Zum Glück, im Gegensatz zu den jetzigen Freiwilligen, haben wir immer mit den Kindern zusammenarbeiten können, denn das war auch einer meiner Hauptgründe, warum ich mich für dieses Heim entschieden habe. Durch die Psychologin hatten wir so gut wie die ganze Zeit eine kompetente Ansprechpartnerin, die uns bei Problemen oder Auseinandersetzungen mit den Schwestern geholfen hat. Über das ganze Jahr habe ich diverse Einsatzmöglichkeiten gehabt. Ich habe mit allen Altersklassen (Babys, Divino Ninos, Cristo Rey) gearbeitet, bin in allen Vormittagskursen mindestens einen Monat gewesen und habe dem Hausmeister Javier ein halbes Jahr lang unterstützt. Vor allem die Arbeit mit den Kindern am Wochenende ist noch immer unvergesslich für mich. Da man dort wesentlich mehr Zeit hatte, konnte man sich auch mal persönlich mit einzelnen Kindern beschäftigen, ist mit diesen ins Gespräch gekommen und hat dadurch eine ganz andere Beziehung aufbauen können. Aus diesem Grund hatten wir ein echt gutes Verhältnis mit den Kindern und waren meistens, nach den Hausmüttern, die ersten Ansprechpartner, wenn es Probleme untereinander oder auch mit den Schwestern gab, was leider keine Seltenheit war. Durch diese variablen Einsatzmöglichkeiten konnte ich in alle Bereiche des Heims einen Einblick gewinnen. Für eine gewisse Zeit haben wir dann auch noch auf Anregung der Psychologin Nachmittagsaktivitäten angeboten, die jedoch dann aufgrund von mangelndem Personal abgebrochen werden mussten.
In diesem Jahr habe ich einfach unglaubliche Erlebnisse gehabt, die ich hier gar nicht alle erwähnen kann, da es den Rahmen vollkommen sprengen würde, aber es gibt einige Ereignisse, die mich besonders in diesem Jahr verändert haben und die mich auch dazu gebracht haben, mich ehrenamtlich weiterhin mit diesem wunderbaren Land zu beschäftigen.
Vor allem die mehrmaligen Besuche im Gefängnis Palmasola haben einiges in mir verändert. Zu wissen, dass es so viele Kinder, die wir im Heim betreut haben, mit denen wir im Heim zusammengelebt und gearbeitet haben, vorher dort ihr Leben, ihre Kindheit verbracht haben, erschreckt mich noch immer zutiefst. Was mich jedoch noch immer so verwundert, wo ich großen Respekt vor den Kindern haben, ist, dass sie einem trotz ihrer zahlreichen grausamen Erlebnissen, noch immer mit einem riesigen Lächeln begegnen, so als wenn es ihnen schon immer gut gegangen wäre. Wir aus einer so luxuriösen, „wegschmeißerischen“ und vor allem auf höchsten Niveau nörgelnden Gesellschaft, schaffen es nicht täglich glücklich durch die Straßen zu laufen, einen zu grüßen, auch wenn man sich mal nicht kennt und das obwohl es einem um ein Vielfaches besser geht, verstehe ich bis jetzt nicht. Diese Mentalität, die dort Tag ein, Tag aus an den Tag gelegt wird, ist für mich eines der wichtigsten Güter, die ich mit nach Deutschland genommen habe. Diese Heiterkeit, das Aufnehmen von vollkommen Fremden in die eigene Gesellschaft, und Gastfreundlichkeit gegenüber mir, habe ich zuvor noch nie in meinem Leben erlebt und ist eines der wichtigsten Eigenschaften, weshalb ich Bolivien für immer in mein Herz geschlossen habe. Zunächst der Hogar aber auch das bolivianische Volk wird immer ein Teil meiner großen Familie sein.
Die unendlichen vielen Ausflüge, die wir für die Kinder organisiert haben, oder wo wir von irgendwelchen Verantwortlichen eingeladen worden sind, stecken noch immer im meinen Köpfen. Ob zum Zoo, den die Kinder jedes Jahr mindestens einmal sehen, ins Schwimmbad, ins Kino oder einfach mal nur in die Stadt, um ein Eis zu essen oder die Plaza Principal zu besuchen, haben die Kinder und dadurch auch mich immer wieder aufgemuntert. Sie hatten endlich auch einmal die Möglichkeit aus dem tristen Alltag herauszukommen und ein bisschen „Freiheit“ zu genießen, denn so schön das Heim auch sein mag, diejenigen, die nicht zur Schule ins Viertel gingen, haben sonst nie etwas von dem „Draußen“ mitbekommen und wenn dann nur aus Erzählung anderer. Und wenn man dann die erstaunten Gesichter der Kinder sah, wie sie in den „Mikros“ an den Fensterscheiben klebten, war einfach toll.
Ein persönliches Highlight für mich war die Erstkommunion, bei der ich von einem der Kinder aus dem Heim „Padrino“ sein durfte. Da wir selber noch auf unserer ersten Reise waren, kaufte ich unterwegs ein paar Mitbringsel für dieses besondere Fest und da darf natürlich weder Bibel, noch Rosenkranz noch Kerze fehlen. Am Tag selber ankommend ging es sofort in die Kirche und zusammen mit Jorge Luis, meinem Kommunionskind, und wir hatten einen wunderbaren Tag. Nach der Messe sind wir als Belohnung zusammen in die Stadt gefahren, habe etwas gegessen und haben auch recht viel erzählt, da ich ihn selber vorher persönlich gar nicht so gut kannte. Begeistert von dem für unseren Verhältnisse kleinen Ausflug, kamen wir müde und kaputt ins Heim zurück.
Ein weiterer Höhepunkt meines Aufenthaltes war das Weihnachtsfest. In dem kleinen Kreis von Kindern, der noch geblieben war, da der Rest „Navidad“ bei den Eltern zu Hause oder in „Palmasola“ verbracht haben, war einfach der Hammer. Der ganze Tag war so super organisiert und am Ende lief doch alles vollkommen aus dem Ruder, einfach typisch bolivianisch. Das Essen sollte gegen neun fertig sein, wir haben aber wohl erst gegen halb zwölf das erste Stück Fleisch zwischen den Zähnen gehabt. Das lustigste war jedoch, dass die Kinder schon super gespannt waren und nicht warten konnten, dann jedoch aufgrund der Verspätung allesamt auf den Tischen eingeschlafen waren – ein unvergessliches Bild. Danach wurde dann gespeist und die Feuerwerkskörper, wie bei uns zu Silvester, angezündet. Etwas gefährlich, da selbst die Kleinsten sich ein Streichholz geholt hatten, um ein bisschen rumzuzündeln, aber zum Glück sind alle lebendig und mit der kompletten Hand in die Betten gefallen. Kurz nach diesem Spektakel hatten wir dann zunächst die Bescherung unter uns Jugendlichen und dann mit den Mitarbeiterinnen. Echt lustige Moment, da jeder irgendwie etwas Typisches bekommen hat und ich echt überrascht war, was ich über das Jahr schon an die anderen Preis gegeben habe, an welches sich dieses erinnern konnte – echt lustige Momente.
Neben noch weiteren Festen, wie Nikolaus, Silvester, Karneval, Ostern, Einschulung etc. waren natürlich auch die Reisen mit meinen Mitfreiwilligen Katha und Simon ein ganz persönlicher Höhepunkt. Wir sind über das ganze Jahr wie eine kleine Familie zusammengewachsen, können uns alles erzählen und unterstützen uns noch immer, soweit es irgendwie auf die Entfernung möglich ist.
Aber man darf natürlich auch nicht vertuschen, dass es Momente gab, die einen zur Weißglut gebracht haben. Im Nachhinein denkt man, dass man sich in vielen Situationen etwas ruhiger hätte benehmen können, aber die Masse an Sticheleien und dem Kontra, dem wir, die Kinder und die Mitarbeiter von den Schwestern ausgesetzt waren, waren in den Momenten einfach nicht ertragbar, wodurch es einige Auseinandersetzungen gab, die dann in nichts führenden Gesprächen endeten, denn am Ende blieb doch alles beim Alten. Es gäbe einige Bespiele, die ich hier nennen könnte, um den Egoismus, die Falsch- und Verlogenheit der Schwestern zu beschreiben, aber vor allem eine Sache ist mir im Kopf geblieben. Eines der Kinder, welches schon seit Jahren zur Adoption freigegeben ist, hatte das Dengue-Fieber, weshalb es schon nicht zu einem Ausflug gehen konnte und lag vollkommen fertig im Bett. Irgendwann hat sich die Schwestern dann auch einmal blicken lassen, um nach dem Kleinen zu schauen. Allerdings sagte sie, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es ihm gut ging, dass er sobald er wieder auf den Beinen ist, eine Adoptionsfamilie bekommen würde und dies, obwohl es noch immer keine gibt. In den folgenden Tagen hat der Junge, dann immer wieder nach seiner neuen Familie gefragt und wir konnten seine Fragen immer wieder nur verneinen. Aus diesem Grund wurde er dann in den nächsten Tagen psychisch labil, schlief nur noch schlecht, hing in der Ecke, weinte, hielt sich von den anderen Kindern fern, obwohl er immer eines der lebendigsten Kinder im Heim war, und das alles aus dem Grund, dass er sich einfach falsche Hoffnungen gemacht hatte und endlich auf eine Familie hoffte. Allerdings muss ich im Nachhinein sagen, dass ich gerne diese Strapazen auf mich genommen habe, damit die Kinder nicht immer die volle Ladung abbekommen. Auch mein Bedenken, dass es in Zukunft im „Hogar“ keine Volontäre mehr geben sollte, kann ich hiermit verneinen. Es ist quasi ein Muss, dass weiterhin Freiwillige kommen, um wie eine Art Puffer zwischen den Kindern, Hausmüttern und Schwestern zu wirken.
Deshalb werde ich dieses Jahr nie vergessen, so oft wie möglich davon berichten, wenn Leute davon wissen wollen und ich habe schon jetzt bemerkt, dass ich echt häufig Anekdoten aus dem Jahr erzähle.
Für mich steht Bolivien für:
B wie buenissimo
O wie objetivo
L wie lágrima pensando en Bolivia
I wie inolvidable
V wie pura vida
I wie gente incansable
E wie extrañando
N wie país natal
Muchos saludos de Santa Cruz – Hogar de la Esperanza
Christopher Vogel




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen