Am Mittwoch fand das 11. Aniversario des Heimes statt, wofür schon zwei Wochen vorher der gesamte Hogar auf Hochglanz gebracht wurde. Dies hieß, dass in allen Beeten Unkraut gezupft wurde, die Büsche gestutzt wurden, niedliche Steine weiß angestrichen und um die Beete gelegt wurden und der Comedor für zwei Tage nicht mehr betreten werden durfte, wodurch alle Mahlzeiten draußen eingenommen werden mussten. Sowohl für das Aniversario als auch für die Promotion wurden die einzelnen Klassenräume hergerichtet, was bedeutete, dass ich für meine Vorschulgruppe alle Ordner bestehend aus mehr als 250 Arbeitsblättern nach einem angeblich richtigen System lochen und sortieren durfte. Des Weiteren wurden alle je von den Kindern gebastelten, gemalten oder gehäkelte Gegenstände aus dem ganzen Jahr ausgestellt (es war echt eine Höllenarbeit, aber meine Profe und ich haben es doch noch rechzeitig geschafft). Am großen Tag selber wurden alle Kinder in ihre beste Kleidung gesteckt und es fand nachmittags eine Messe statt, wo auch die Frauen von „Asumer“, ein Spenderkreis, der das Heim unterstützt, dran teilnahmen. Nach dem festlichen Akt wurden dann noch die hergerichteten Klassenräume vom Besuch inspiziert, bevor es zum Essen ging. Es gab eine große Torte und Soda (Cola, Fanta, Sprite). Wir Freiwilligen hatten uns eigentlich etwas mehr erhofft, weil uns schon lange vorher von dem Jahr davor berichtet wurde, wo es wohl Hühnchen und alle möglichen Leckereien gegeben haben soll, aber es lag vielleicht doch eher an dem runden Geburtstag. Ebenfalls etwas schade fand ich es, dass die Kinder warten mussten, bis der Besuch alle Klassenzimmer angeschaut hatte, bevor es zum Essen ging. Hier durften sich die älteren Herrschaften dann schon einmal an die gedeckten Tische setzen und als die Kleinen dann auch endlich das Essen vor sich hatten, verabschiedeten sich schon die Frauen aus der gehobenen Gesellschaft. In dem Moment hätte ich mich echt aufregen können, weil ich es eine Frechheit fand, die Kinder über 20 min warten zu lassen, bevor sie sich auch zum Essen begeben konnten. Aber vielleicht ist das ein Zeichen der Gastfreundschaft, die die Bolivianer so pflegen.
Am Freitag fand stand dann das nächste Großereignis auf dem Programm - Promotion des Vorschulkurses Kinder, die im folgenden Jahr dann die erste Klasse besuchen dürfen. Hierfür wurden wir Volontäre schon Wochen vorher befragt, ob wir nicht ein Teil der Kosten mittragen möchten. Wir einigten uns darauf, die Kinder aus dem Heim finanziell zu unterstützen, da wir es nicht einsahen, auch die Kinder von außerhalb zu finanzieren - ich meine 100 Bolivianos pro Kind sind schon eine Stange Geld, wenn man bedenkt, dass insgesamt 25 daran teilnahmen. Dieses Geld wurde vor allem für die schicke Kleidung (Hut, Robe und Krawatte, wie in den amerikanischen Promotionen), Getränke, Essen und das Highlight, ein Bild auf dem alle Kinder, die Profesora und die Spender, darunter auch wir, auf einem kitschigen Hintergrund zu sehen waren, verwendet.
Am Abend vor der Promotion, welche in der Kapelle stattfinden sollte, wurde diese noch nach dem Motto „Wunderland“ hergerichtet, was hieß, dass etliche Styroporfiguren, Blumen und Bäume aufgestellt wurden, was am Ende ziemlich kitschige aussah, aber meiner Profe ähnlich sah. Die Verleihung selber fand wie in amerikanischen Filmen ab. Zunächst gingen die Pre-Kinder nach vorne und nahmen auf der Tribüne Platz. Die Ausgezeichneten wurden dann entweder von ihren Eltern oder uns Freiwilligen nach vorne geleitet, dort mit einem Handschlag und einer Umarmung von den Pre-Kindern begrüßt und zum Schluss von der Profe gratuliert, die dann auch noch jedem einzelnen dieses Bild als Andenken, das Zeugnis und eine Blume übergab. Während der gesamten Zeit liefen die Zuschauer durch die Gegend, schossen wie verrückt Fotos, um diesen einen besonderen Moment ihres Kindes festzuhalten, und versuchten durch Gesten ihre Kinder, die vorne auf der Bühne Platz genommen hatten, zu züchtigen, was in keins der Weise funktionierte. Zum Ende hin trugen sowohl die Pre-Kinder als auch Kinder ein Lied und ein Gedicht vor, was Wochen vorher im Unterricht bis zum Erbrechen auswendig gelernt worden war, und es wurde nach einer kleinen Rede der Profesora eine große Fotografie mit allen Promovierenden an das Heim übergeben. Als dann die Feierlichkeiten zu Ende waren wurden noch Fotos von den Kindern geschossen und im Nachhinein bereute ich es ein bisschen, dass ich eine Kamera dabei gehabt hatte, denn alle Eltern, die keine besaßen, kamen zu mir, um zu fragen, ob ich denn nicht ein paar Fotos von ihren Schützlingen schießen würde (meistens kam dann ein Solofoto, eines mit den Geschwistern, eines nur mit Bruder oder Schwester, eines mit Oma, eines mit Großeltern, und allen anderen sich vorstellbaren Konstellationen dabei heraus). Die Promotion endete dann mit dem Verspeisen von den Sodas und Saltenas.
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