Es ist nun doch schon einige Zeit her, dass ich den letzten Blogeintrag verfasst habe, aber ich muss unbedingt noch über ein Erlebnis erzählen, dass schon vor der Weihnachtszeit passierte - ich hatte dann auch endlich, als letzter von uns Freiwilligen, die Möglichkeit, das Gefängnis, aus dem die meisten Kinder aus dem Heim kommen, zu besuchen. Wie immer mit ein bisschen Verspätung ging es nach dem Mittagessen mit der Psychologin Dixa und vier Heimkinder, Birma und Angelica und Miguel Angel und David, auf die knapp 90-minütige Fahrt nach Palmasola, dem wohl außergewöhnlichsten Gefängnis der Welt.
Das Gefängnis sieht von außen wie ein richtiger Hochsicherheitstrakt aus mit hohen, unüberwindbaren Mauern, besetzten Wachtürmen und Stacheldraht. Der Schein trügt manchmal jedoch, denn am Eingang des Gefängnis wurden nur unsere Personalien abgeglichen, da jeder Besucher vorher angemeldet werden muss, bevor man ohne elektronische Kontrolle, nicht einmal das Abtasten wurde vorgenommen, hineingelassen wurde. Das hat mich bei so einem Gefängnis doch ein bisschen verwundert, denn ich hätte ohne Weiteres alles mit mir hineinschmuggeln können. Im Nachhinein wurde mir erzählt, dass die Polizisten dadurch selber am Schmuggel verdienen, der etwas ganz Normales in Palmasola ist.
Das Gefängnis im Inneren lässt sich in drei Bereiche einteilen, den Frauentrakt, den Männertrakt und den Hochsicherheitstrakt „Canchocorito“. Nachdem die erste „Sicherheitsstufe“ überwunden und auch den ersten Stempel bekomme hatte, wurden die beiden Jungen bei ihrem Vater im Hochsicherheitstrakt abgeliefert, der meinen Vorstellungen mit denen in Deutschland zu vergleichen sind. Draußen sitzen die Wärter und drinnen können sich die Häftlinge sich auf einem kleinen Vorplatz mit Swimmingpool, Hängematten und Getränken den Tag vertreiben. Von Simon, der sogar schon einmal hineingehen konnte, habe ich gehört, dass jeder Häftling seine eigene Zelle hat, wo er wohnt. Am Tor wurden dann noch eben unter „Geheimhaltung“ die Handynummern zwischen dem Vater und Dixa ausgetauscht, denn eigentlich sind Handys, Waffen und alle möglichen elektronischen Geräte untersagt, aber werden allg. genehmigt. Nach dem kurzen Aufenthalt dort, ging es weiter zum Frauentrakt, der eigentlich bis auf den Zaun, nicht einem Gefängnis ähnelte. Durch den Eingang geschritten stand man schon fast auf einer Art Plaza, wo es Sitzmöglichkeiten und einige Stände gab und eine Turnhalle, in der an diesem Tag eine Auszeichnung für die Frauen gab, die eine Lehre im Gefängnis absolviert hatten. Wir fanden wir die Mutter der beiden Mädels und man hat schon allein an der Begrüßung der Älteren bemerkt, dass sie sich nicht wirklich wohlfühlte und sie hat mir auch angedeutet, dass sie eigentlich nicht hier sein möchte. Irgendwie ein bedrückendes Gefühl in dem Moment nichts machen zu können. Eigentlich war unser Ziel an diesem Tag ein bisschen Werbung für das kommende Jahr im Hogar zu machen, da viele der Kinder das Heim für immer verlassen hatten, aber daraus wurde jedoch nichts. Aus diesem Grund gingen Simon und ich weiter fleißig auf Stempelsuche. Am Männertrakt hatten wir mit unserem Ziel, Werbung zu machen, mehr Erfolg, denn wir konnten uns mit dem „Gefängnisleiter“ unterhalten, der unserem Projekt genau zuhörte und versprach bis zur nächsten Woche seine Mithäftlinge darüber zu unterrichten. Ich habe es, glaube ich, bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erwähnt, aber sobald man einen Trakt betritt, wird man hinter den Toren keinen Wächter mehr finden, denn dahinter regieren sich die Häftlinge nach einem ganz einfachen Prinzip. Derjenige, der am meisten Geld hat, und das sind meistens die Drogenbosse, haben das Kommando und bestimmen die Regeln im Gefängnis. Es herrscht also eine Art Anarchie. Im Männertrakt gibt es einzelne „Seguridads“ (8 Stück, eine Gruppe besteht aus 25 – 30 Mann), die dafür bestimmt sind, bestmöglich darauf aufzupassen, dass die Häftlinge sich an die Regeln halten, es nicht gestohlen, gemordet oder keine Revolution angezettelt wird. Man muss wissen, dass häufig nur ein Elternteil inhaftiert wird, es aber für die ganze Familie wesentlich schwerwiegender ist, wenn es den Vater trifft, denn meistens muss dann gleich die ganze Familie mit nach Palmasola ziehen, da die Mutter sich und ihre Kinder außerhalb nicht alleine ernähren kann. Aus diesem Grund wurde auch das Heim „Hogar de la Esperanza“ gebaut, womit wenigstens die Kinder in einem sicheren Ort aufwachsen können, bis ihre Eltern ihre Strafe abgesessen haben.
Simon und ich hatten dann noch ein wenig „Freizeit“, da sich die Psychologen Dixa und Ruth noch persönlich mit einigen Häftlingen unterhalten wollten. Wir beiden nutzten die Zeit, um das Gefängnis genauer zu erkunden. Man muss sich den Männertrakt wie eine Filmstadt von Santa Cruz vorstellen. Überall sind die Straßen ein bisschen enger, die Häuser ein bisschen kleiner, aber es gibt die gleiche Auswahl an Restaurants, zwei „canchas“ und etliche Tiendas, wo man alles findet. Die Leute, die auch Geld haben, kann es hier richtig gut gehen. Als wir dann von der asphaltierten Straße abwichen, wurde es wesentlich dreckiger, in den Häuser häuften sich die Menschen und ich habe einen gewissen Tunnelblick bekommen, als dann noch ein Häftling mit ziemlich zerlumpten Kleidung uns durch die letzten Ecken von dem Gefängnis geführt hatte, wo wir auf einmal hineingeraten waren. Überall saßen die Menschen zwischen dem Müll, schauten uns mit komischen Blicken an und wir waren heilfroh, als wir die „Cancha“ wieder vor uns hatten. Kurz darauf holten wir dann die beiden Mädels und Jungs ab und nahmen noch einen Jungen aus Männertrakt mit, der nun bei uns im Hogar zusammenlebt.
Um einen mit Stempeln und mysteriösen Zeichen verzierten Arm und viele, leider auch erschreckende Eindrücke, reicher, verließen wir nun endgültig Palmasola.
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